Gesellschaft ist ein Vertrag

Meistens bin ich begeistert, wenn ich in die USA hinüber blicke. Die persönliche und wirtschaftliche Freiheit, die scheinbar unendlichen Möglichkeiten, die Geschwindigkeit in der der Fortschritt tatsächlich stattfindet.

In den letzten Wochen habe ich mit vielen Amerikanern zu tun gehabt, habe über Offenheit, Großzügigkeit, Verletzlichkeit, Verrauen usw. gesprochen. Ich habe gesehen welche Wärme und Nächstenliebe diese Leute für Ihre Mitmenschen aufbringen können – sogar für völlig Fremde wie mich.

Ganz anders die Nachrichten, die wir in den letzten Tagen zur Kenntnis genommen haben. Sie zeichnen eine tief gespaltene und zerüttete Gesellschaft.

Ich kann das nicht bewerten, dazu bin ich zu weit entfernt, aber es macht nachdenklich und es schockiert.

Dieses Video von Trevor Noah, hat mich jetzt bewegt, auch hier darüber zu schreiben. Er ist Talk-Show-Host bei der „Daily Show“ – ich sehe da gelegentlich Ausschnitte auf YouTube.

Hintergrund, wie er in dem Video dargestellt wird:

  • Die Corona-Krise und die damit verbundene Isolation und Arbeitslosigkeit,
  • Polizeigewalt gegen Schwarze (George Floyd),
  • offener Rassismus, der bewusst als Drohung verwendet wird (Amy Cooper),
  • ein Staat, der einen Teil seiner Bürger nicht schützt,
  • eine Führung, die das verharmlost.

Das Video enthält viele tiefgründige, bedenkenswerte aber eigentlich auch undenkbare Aussagen. Es geht z.B. darum, ob man Plünderungen in dieser Situation verurteilen kann (was ja eingentlich normal sein sollte), oder ob man das verstehen muss. Es geht auch darum, was man von der Führung eines Landes erwarten können sollte. Und darum, was Gesellschaft eigentlich ist.

Die Gesellschaft sei letztlich ein Vertrag zwischen allen Beteiligten. Man einigt sich auf bestimmte Regeln und jeder möchte sich darauf verlassen können. Ein Teil der Menschen könne das aber nicht.

Mir geht es aber gar nicht um die schlimmen Ereignissen, die streitbaren Argumente, die Frage ob Trevor recht hat oder um die andere Frage, ob ich mir aus der Ferne ein Urteil erlauben darf.

Was mich wirklich schockt ist folgendes:

In diesem Video sehe ich einen Mann, der offensichtlich tief enttäuscht ist. Einen erfolgreichen (sonst auch witzigen, smarten, sympathischen) Mann, der viel Anerkennung genießt als schwarzer Entertainer aber auch selbst Teil dieser betroffenen Gruppe ist.

Er – ein Privilegierter – scheint vom Glauben an das Gute abgekommen zu sein. Es sieht aus, als würde er sich selbst langsam auch Sorgen um seine Sicherheit machen. Es scheint als hätte er seine Meinung geändert von:

„Es liegt vieles im Argen aber wir müssen an die Gesellschaft glauben und nach den Regeln spielen.“

Hin zu:

„Die Gesellschaft verletzt täglich unsere Rechte, dann ist es nur fair, wenn wir aus Protest das Gleiche tun.“

Ich finde es erschreckend zu beobachten was da passiert und hoffe zu tiefst, dass sich die Lage wieder beruhigt und einen guten Ausgang findet.